EgoSession, Gründer Christian Ecker, Interview, digitale Praxis, Therapeut, Heilpraktiker

Ingenieur und Psychotherapie – Technologie und Mensch. Inhaltlich ist EgoSession relativ weit weg von deinem vorherigen Berufsbild. War es anfangs schwer sich in der Welt der Psychotherapie zurechtfinden und wie hast du dich in das Thema eingefunden?

Zugegeben, auf den ersten Blick ist der Weg aus dem technisch geprägten Umfeld zur Psychotherapie sehr weit. Durch tägliche Gespräche mit meiner Partnerin und EgoSession-Mitgründerin Kamila war ich mit dem Alltag einer psychotherapeutischen Praxis aber schon sehr vertraut. In meiner Forschungsarbeit an einem renommierten Institut der RWTH Aachen habe ich mich dann intensiv mit dem Thema befasst, technische Innovationen für eine neue, nicht speziell geschulte Nutzergruppe verfügbar zu machen.
EgoSession ist genau aus dieser Fragestellung hervorgegangen: Wie können wir den Zugang zu technischen Innovationen für Therapeuten verbessern, um ihre Arbeit zu erleichtern und zu bereichern? Die Beantwortung dieser Frage kann meiner Ansicht nach nur durch einen interdisziplinären Ansatz erfolgreich gelingen. Hier hat es mir sehr geholfen, dass ich durch Kamila einen direkten Kontakt zur therapeutischen Praxis hatte. So konnte ich den noch unbekannten Fachbereich hautnah kennenlernen. Ich bin davon überzeugt, dass dieser Austausch zwischen uns entscheidend war und ist, um die Bedürfnisse unserer Anwender genau zu verstehen. Nur wenn wir die Prozesse der Fachdisziplin kennen, können wir passgenaue Lösungen entwickeln, die intuitiv nachvollziehbar sind.
Vor diesem Hintergrund ist meine heutige Aufgabe also gar keine so große Umstellung, sondern eine Fortführung meiner Arbeit an der Hochschule zum Transfer neuartiger Technologien.

Die technische Umsetzung einer Plattform erfordert umfangreiches Wissen und Erfahrung. Wie hast du dich auf diese Aufgabe vorbereitet und in welchen Punkten wart ihr auf externe Unterstützung angewiesen?

Auch hier hat uns der enge Kontakt zur RWTH Aachen sehr geholfen. Durch Leitung der Gruppe für „Automatisierung“ bestand ein wesentlicher Teil meiner Arbeit darin, die Forschungstätigkeiten der eigenen Gruppe zu koordinieren und den Überblick über neue Ideen und Konzepte zu behalten. Durch das in der Gruppe vorhandene Wissen und die Erfahrung meiner Kollegen konnte ich Fragen direkt klären und wichtige Tipps für unsere eigene Softwareentwicklung mitnehmen.
Es ist wichtig zu verstehen, dass die Entwicklung der Plattformsoftware mit ihrem Betrieb nicht abgeschlossen ist. Denn auch die Wünsche und Bedürfnisse unserer Nutzer entwickeln sich mit dem technischen Fortschritt weiter und wir müssen in der Lage sein, auf diese Veränderungen reagieren zu können. Ein enger Kontakt zu unseren Nutzern ist für uns daher sehr wichtig. Nur so können wir unser Ziel erreichen: die optimale digitale Unterstützung der Psychotherapie.
Für den praktischen Betrieb unserer Plattform arbeiten wir mit dem Aachener Rechenzentrumsbetreiber und IT-Infrastrukturspezialisten Synaix zusammen. Hier betreiben wir EgoSession in einem redundanten Server-Cluster und können eine Hochverfügbarkeit unserer eigenen Software sicherstellen. Und wir können durch unsere dynamische Infrastruktur Updates im Hintergrund ausführen, ohne, dass eingeloggte Nutzer dadurch beeinträchtigt werden. Durch unseren speziell konzipierten Verschlüsselungsansatz bleiben alle bestehenden Daten jederzeit gut geschützt – eine Kernanforderung, die von Beginn an unsere Entwicklungsarbeit begleitet und unsere Software heute so besonders macht.

Was würdest du bisher als größten Erfolg in der Geschichte von EgoSession bezeichnen?

Ein wichtiger Meilenstein war für mich unser Go-Live im Januar 2018, nachdem wir im vergangenen Jahr unsere Beta-Phase erfolgreich abgeschlossen hatten. Wenn man über längere Zeit mit viel Engagement und Herzblut an einem System gearbeitet hat, ist es man sehr glücklich, wenn es dann endlich auch von Therapeuten genutzt werden kann und man merkt, dass es ihnen wirklich hilft. Diese Bestätigung ist es auch, die uns weiterhin antreibt, neue Ideen umzusetzen und den internationalen Trend des „E-Mental-Health“, also der digital unterstützten psychischen Gesundheit, in Deutschland voranzutreiben und aktiv zu gestalten. Dies impliziert übrigens auch einen gewissen Sinneswandel. So habe ich gelernt, dass man in Deutschland in der Regel über psychische Erkrankungen spricht. Mit EgoSession verfolgen wir jedoch das Ziel, die mentale Gesundheit zu fördern, zum Beispiel durch einen erleichterten Zugang zu einem individuellen Beratungsgespräch mit einem geeigneten Therapeuten per Videotelefonie.

Das Gründer-Dasein ist nicht immer leicht. Was waren bisher die größten Herausforderungen, die die Gründung mit sich gebracht hat?

Gerade am Anfang besteht eine große Herausforderung darin, dass alles gleichzeitig passiert und man erst lernen muss, die meist sehr unterschiedlichen Aufgaben für sich selbst zu organisieren. Als Gründer muss man sich häufig in neue, noch unbekannte Themen einarbeiten und teilweise kritisch hinterfragen, um in der Lage zu sein, fundierte Entscheidungen zu treffen. Bei allem Zeitdruck fällt dies nicht immer leicht. Dann ist es wertvoll, wenn man Personen aus seinem persönlichen Netzwerk mit dem nötigen Hintergrundwissen fragen kann.

Du hast mit deiner Ehefrau Kamila zusammen gegründet. Wie schafft ihr es Privates und Berufliches miteinander zu vereinen und gab es bereits Situationen in denen ihr an der Entscheidung gemeinsam zu gründen gezweifelt habt?

Das gemeinsame Gründen als Paar ist schon eine besondere Situation, weil wir dadurch sehr viel Zeit miteinander verbringen. Dadurch verschwinden die Grenzen zwischen der Tätigkeit im eigenen Unternehmen und der privaten Freizeit. Auf der anderen Seite ist man ohnehin mit seinen Gedanken ständig mit dem Unternehmensaufbau beschäftigt, sodass es uns dadurch auch leichter fällt, einander zu verstehen.
Eine gemeinsame Unternehmensgründung erfordert viel Vertrauen in seine Mitgründer. Man muss die Stärken und Schwächen des jeweils anderen kennen und sich gegenseitig motivieren können. Ich denke schon, dass unsere Beziehung uns hier auch geholfen hat, denn wir können uns immer auf den anderen verlassen.

Wo siehst du EgoSession in fünf Jahren?

Mein Ziel ist es, dass wir es mit EgoSession in dieser Zeit schaffen, den Begriff des „E-Mental-Health“ im deutschsprachigen Raum so mit Leben zu füllen, dass er zu einem festen Bestandteil einer modernen Gesundheitsversorgung wird. Dazu wollen wir auch in Zukunft, an der Seite unserer angeschlossenen Therapeuten, verstärkt in neue Technologien investieren und ihren Einsatz vorantreiben. Nur so wird es uns gelingen, spannende neue Konzepte, wie zum Beispiel Virtual Reality, an denen wir bereits intensiv arbeiten, erfolgreich in praktische Anwendungen zu überführen.

Welchen Ratschlag würdest du anderen Gründern mit auf den Weg geben und gibt es etwas was du persönlich gerne vor der Gründung gewusst hättest?

Mit Ratschlägen ist es so eine Sache: sie zu geben ist oft einfacher, als sie anzunehmen. Manchmal muss man erst noch eigene Erfahrungen sammeln, um die erhaltenen Ratschläge im Nachhinein besser verstehen zu können. Dieser Prozess ist aber ganz normal, denn eine Gründung impliziert ja, dass man bekannte Pfade verlässt, um aus neuen Erfahrungen zu lernen und sie als Chance begreift.
Einen Ratschlag bzw. eine für mich wichtige Erkenntnis möchte ich aber doch teilen: Die meisten Grenzen, die wir uns selbst setzen, existieren nur in unserem Kopf.

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